Viele Menschen kommen mit einer sehr klaren Geschichte in meine Praxis:
Meine Eltern waren emotional nicht verfügbar.
Sie haben mich nicht gesehen.
Sie haben mir nicht beigebracht, wie Beziehung, Abgrenzung oder Selbstwert funktionieren.
Diese Geschichten sind oft nicht erfunden.
Sie sind schmerzhaft.
Und sie erklären viel.
Aber sie haben eine Nebenwirkung, über die kaum gesprochen wird.
Wenn Verstehen nicht mehr befreit, sondern bindet
In den letzten Jahren ist eine regelrechte Kultur der Aufarbeitung entstanden. Podcasts, Bücher, Social-Media-Beiträge und Selbsthilferatgeber benennen mit großer Sicherheit, was Eltern alles falsch gemacht haben – narzisstisch, emotional unreif, toxisch, bindungsgestört.
Für viele Menschen ist das zunächst entlastend.
Endlich gibt es Worte für das eigene Erleben.
Endlich scheint klar, warum das eigene Leben so verlaufen ist.
Doch genau hier beginnt häufig ein neues Problem.
Denn was als Erklärung gedacht war, wird nicht selten zur Identität:
Ich kann nicht anders, weil…
Ich bin so, weil sie so waren.
Ich wäre heute ein anderer Mensch, wenn…
Unbemerkt stabilisiert sich damit eine Haltung, die nach außen kritisch wirkt – und nach innen lähmt.
Die stille Funktion der Opferrolle
Die Opferrolle ist nicht nur ein Zustand.
Sie ist oft auch eine Lösung.
Sie schützt vor Schuldgefühlen.
Sie erklärt das eigene Scheitern.
Und vor allem: Sie entlastet von Verantwortung.
Solange meine Eltern die Ursache meines heutigen Leidens sind, muss ich mich nicht mit der unbequemen Frage beschäftigen, was ich heute dazu beitrage, dass sich nichts verändert.
Das ist menschlich.
Und therapeutisch hoch relevant.
Denn genau hier kippt etwas:
Aus dem Opfer der Vergangenheit wird – ungewollt – der Täter der Gegenwart.
Wenn Muster weitergegeben werden, obwohl man sie „verstanden“ hat
Viele der Menschen, die ihre Eltern scharf kritisieren, erleben sich selbst als reflektiert, bewusst und aufgeklärt.
Und übersehen dabei etwas Entscheidendes:
Muster werden nicht dadurch unterbrochen, dass man sie erkennt.
Sondern dadurch, dass man anders handelt.
Ich erlebe immer wieder Eltern, die sagen:
Ich will auf keinen Fall so sein wie meine Eltern.
Und dennoch geben sie dieselben emotionalen Dynamiken weiter:
- Konfliktvermeidung statt Klarheit
- Überanpassung statt Abgrenzung
- emotionale Überforderung statt Verantwortung
Nicht aus Bosheit.
Sondern aus Unreflektiertheit im eigenen Handeln.
Verstehen allein verändert nichts.
Es kann sogar dazu führen, dass man sich moralisch überlegen fühlt – und genau deshalb stehen bleibt.
Verantwortung heißt nicht, die Vergangenheit zu leugnen
Verantwortung zu übernehmen bedeutet nicht, die eigene Geschichte kleinzureden.
Es bedeutet auch nicht, den Eltern zu vergeben oder sie zu verändern.
Es bedeutet etwas anderes – und für viele etwas sehr Unbequemes:
Die Vergangenheit erklärt mich.
Aber sie entschuldigt mich nicht für das, was ich heute tue oder lasse.
Ich kann anerkennen, dass ich Dinge nicht gelernt habe –
und gleichzeitig akzeptieren, dass es jetzt meine Aufgabe ist, sie zu lernen.
Nicht meine Eltern müssen sich ändern.
Nicht meine Großeltern.
Nicht einmal meine Kinder.
Ich ändere meinen Umgang, meine Entscheidungen, mein Verhalten.
Wer mitgeht, geht mit.
Wer nicht mitgeht, geht nicht mit.
Das ist kein Akt der Härte.
Das ist ein Akt der Selbstführung.
Warum das so schwer ist
Verantwortung zu übernehmen bedeutet, Ohnmacht aufzugeben.
Und Ohnmacht ist paradox stabilisierend.
Solange ich ohnmächtig bin, kann ich nichts falsch machen.
Solange ich ohnmächtig bin, trage ich keine Schuld.
Solange ich ohnmächtig bin, bin ich geschützt – aber auch unfrei.
Der Schritt aus der Opferrolle ist kein intellektueller.
Er ist emotional.
Er bedeutet:
- Schuldgefühle auszuhalten
- Ambivalenzen zu tragen
- Unvollkommenheit zu akzeptieren
- Verantwortung zu übernehmen, ohne Garantie auf Erfolg
Genau hier scheitern viele Selbsthilfekonzepte.
Warum therapeutische Begleitung oft entscheidend ist
Diese Muster lassen sich selten allein verändern.
Nicht, weil Menschen zu schwach wären – sondern weil sie sich selbst nicht sehen können, während sie handeln.
In meiner therapeutischen Arbeit erlebe ich immer wieder, wie hilfreich es ist, einen Raum zu haben, in dem:
- Opferhaltungen erkannt werden dürfen, ohne beschämt zu werden
- Verantwortung wachsen kann, ohne zu überfordern
- alte Geschichten gewürdigt werden, ohne das Heute zu blockieren
Ein Ansatz, den ich dabei nutze, ist die Acceptance-Commitment-Therapie.
Sie arbeitet nicht daran, die Vergangenheit „richtig zu deuten“, sondern daran, heute handlungsfähig zu werden – im Einklang mit den eigenen Werten.
Nicht perfekt.
Aber bewusst.
Ein letzter Gedanke
Vielleicht ist die entscheidende Frage nicht:
Was haben meine Eltern mir angetan?
Sondern:
Was tue ich heute – trotz all meines Wissens – immer wieder selbst?
Dort beginnt Veränderung.
Nicht bequem.
Aber möglich.